Überbündisches Treffen (28.09. – 03.10.2017)

Erschienen am 3. Oktober 2017 in Aktion

Ron Stendel

Ron Stendel

Ist 2006 als Wölfling in den Stamm gekommen und leitet nun nach einem Jahr in der Pfadfinderstufe die Wölflinge.

 

Link zum Youtube-Video: https://m.youtube.com/watch?v=D7VHUxSWBK4

„Wir sind eine kleine verlorene Schar“ konnte zahlenmäßig auf uns zutreffen (da wir uns kurz vor Lagerbeginn noch quantitativ reduzierten). Einen verlorenen Eindruck machten wir dann vielleicht, als wir unseren Bollerwagen („Günter“) die Treppen in den Umsteigebahnhöfen hinauf und hinab trugen. Oder als wir Bekanntschaft mit den Automatiktüren („besonderer Fahrgastkomfort“) der Bahn machten. „Wir stehen für uns auf der Welt“ – trifft sicher ebenso zu, für uns verrückte Leute, mit unserem zweifelhaften Versuch, mit „Günter“ einen Bus (!) zu besteigen. Jedoch war unser Busfahrer nach kurzem Knurren dann doch gnädig. So kamen wir nach einigen Stunden Fahrt in Böttingen an, von wo aus wir auf abenteuerliche Art und Weise zum Lagerplatz kamen. „Und jeder Kerl, der mit uns war, hat für immer sich zu uns gesellt“ – aber der Reihe nach!

Unser freier Zusammenschluss von zwei jungen Pfadis, zwei jungen Rovern, einem Altrover und einem Leiter traf sich am Donnerstag, den 28.09.2017 um 13:30 am Wiehrebahnhof, um von dort aus zum Überbündischen Treffen auf dem Allenspacher Hof zu fahren. Gepäck gab es nicht viel zu verteilen, da wir mit „Günter“ einen guten Weg gefunden haben, unseren Kram autofrei und dennoch gummibereift auf die Schwäbische Alb zu befördern. Lediglich Hordentopf und Klampfe machten zuweilen die Runde. Mit einigen Umstiegen, die sich durch die Tragerei von „Günter“ als sportlich herausstellten, ging die Fahrt jedoch ratz-fatz vorbei und wir standen in Böttingen. Von nun an ging es fußläufig in Richtung Lagerplatz. Doch schon kurz nachdem wir losgingen, lachte uns das große Glück: Wir durften auf dem Anhänger eines Bauern mitfahren – „wo das Leben, das wahre Erleben uns lacht“.

Nach und nach kamen immer mehr Kameraden aus der ganzen Republik dazu und mit jedem einzelnen wuchs die Vorfreude! Mit sehr guter Laune kamen wir dann am Lagerplatz an, wo es nach der Anmeldung Lagerbändchen, Aufnäher und Lagerhefte gab. Dann gingen wir zu unserem zugeteilten Lagerplatz im Teillager (nicht: Thai-Lager!!!) namens „Keiler“. Wir holten unsere Marktbestellung auf dem ÜT-Markt ab, schnappten uns zwei Stangen und bauten unsere Kohten auf. Nach kurzer Begutachtung unserer Essenskisten (Essen für das ganze Lager, bio und regional), fingen wir an, Gulasch zu kochen (für die Veggis ohne Gulasch). Nach dem Essen erkundeten wir dann den Lagerplatz. 

Wir besuchten die anderen Teillager und zogen durch die Pinten „Es brennt vor uns die Flamme und um uns ist das Zelt“. Um 23:30 gingen die Pimpfe ins Bett, wenig später auch die Älteren. Morgens wurde um 08:00 geweckt. Wie auch an den folgenden Tagen, frühstückten wir gemeinsam, bevor es in die Morgenrunde unseres Teillagers, die wir in der Führerrunde beschlossen hatten, ging. Die war um 09:20 und ein spannendes Spektakel. Erstaunlich pünktlich zogen aus allen Richtungen Sippen, Stämme, Jungenschaften, Orden und ganze Bünde zum Versammlungsplatz. Mit dabei war eine große Anzahl an Wimpeln und Fahnen. Es war ein sehr farbenfroher Kreis. Wir sangen gemeinsame Lieder und stimmten uns auf den Tag ein „In die Sonne, die Ferne hinaus“.

Am ersten Morgen fand die Eröffnungsrunde statt, auch begleit von gemeinsamen Liedern und dem Lagerlied „Viel Glück“. Es gab einige Grußworte vom Bürgermeister, der uns herzlich willkommen hieß und sichtlich stolz war, dass wir die Einwohnerzahl Böttingens mehr als verdoppelten.

In den folgenden Tagen gab es einiges zu Erleben. Die Mädels probierten die eigens konstruierten „ÜTrinen“ aus und zeigten mit dem ÜTrinen-Pinn ihr erfolgreiches Wasserlassen „rauscht ein Bach um Felsenstufen“. Der Lagerturm von knapp zehn Metern Höhe wurde bestiegen „Turm um uns sich türmt“. Von oben hatte man eine wunderbare Aussicht über den gesamten Platz, der einer Kleinstadt glich. Auch hier trafen wir auf den Bürgermeister. 

Neben dem Turm waren auch die Pinten (tagsüber umfunktioniert, z.B. in die Tee-Jurte) beeindruckende Bauwerke. Beim weiteren Streifen über den Lagerplatz konnte man die Verlagsjurte entdecken. Hier bot der Verlag der Jugendbewegung Bücher und Zeitschrifen (z.B. den „Eisbrecher“) der Bündischen Jugend an. Nebenan hatte der „Pfadfinder-Treffpunkt“ seine Jurte gestellt. Hier drehte sich alles um das Onlineforum. Gegenüber stand die Kulturjurte, die eine Art Flohmarkt mit bündischer Lektüre beinhaltete. Auch konnte man hier z.B. Aufnamen jugendbewegter Lieder oder Reden anhören. Die Jurte „Tabubruch“ beschäftigte sich mit dem Thema (sexueller) Machtmissbrauch. Die Weltfahrtjurte zeigte eine täglich wechselnde Ausstellung mit beeindruckenden Bildern verschiedenster Fahrten und Fahrtenberichten. Im „Zentrum Rausch und Genuss“ gab es tagsüber Tee und Flammekuchen.

Neben allem was es so auf dem Lagerplatz zu entdecken gab „wir haben das Sehen nicht verlernt“, verriet ein Blick in das Lagerheft das vielfältige Programm mit vielen bunten Workshops, die wir uns frei wählten. Da war für jeden was dabei. Es gab die Möglichkeit, einen Brief an sich selbst zu schreiben, der einem ein Jahr später zugeschickt wird. Außerdem gab es einiges Praktisches mit den Wandergesellen. Man konnte den Lagerplatz pimpfenfreundlicher gestalten, indem man Spielgerät baute, man konnte Schmieden, man konnte Kerzenhalter bauen, man konnte einen Lehmofen bauen. Viele machten sich Hungertücher und eigene Stempel. Die „Pimpfenkunst“, die in den Bäumen aufgehangen wurde, schaffte es sogar in eine selbstgeschriebene Strophe zu „Roter Mond“, die uns Tabea am Ende des Lagers schenkte.

Im musischen Bereich gab es Gitarrenworkshops, Singerunden mit dem Zugvogel, Lieder aus dem neuen Meißner-Liederbuch und Morgensingrunden. Der musische Höhepunkt war sicherlich der ÜT-Singewettstreit, der den Großteil des Lagers in seinen Bann zog „Singt, Freunde, lasst die Klampfen klingen“. Es traten sechzehn verschiedene Gruppen auf, die sich zum Teil sehr kurzfristig dazu entschlossen hatten. Der Wettstreit dauerte etwa zwei Stunden, Danach hieß es für die Teilnehmer gespannt abwarten, bis die Jury ihre Entscheidung gefällt hatte. Die „Deutsche Wandjugend“ (Verzeihung: „Waldjugend“) trötete zur Melodie von „Nachts auf dem Dorfplatz“ die Scharen zusammen, um die Entscheidung zu hören. An erster Stelle lag die CPD, an zweiter Stelle der Laninger Wandervogel und an dritter Stelle der Zugvogel. Die Sieger hatten das Vergnügen, eine Zugabe geben zu müssen. Der Singewettstreit hatte im Allgemeinen erstaunlich gute und aussagekräftige Beiträge, die den Charakter der Bünde gut wiederspiegelten. Sehr viele haben ihr Bundeslied aufgeführt.

Weitere Workshops waren zum Beispiel die sehr geschätzte Joga-Morgenrunde, Tanzworkshops zu Bündischen Liedern und Volkstänzen, sowie einige Filme, die gezeigt wurden. Oder die Kampfarena, in der sich einige mutige von uns versuchten „auf zum Streit, sei bereit!“. Aber es würde zu weit führen, hier alle Workshops aufzuzählen.

Mittags aßen wir ebenfalls gemeinsam, wobei wir uns da auf Brot und Reste vom Vortag beschränkten. Abends kochten wir warm, was mal mehr, mal weniger schnell gelang.

Nach dem Essen war es dann Zeit, in die Pinten zu ziehen und gemeinsam zu singen und um das Lagerfeuer zu sitzen. Hier war der Ort, an dem Begegnung stattfand und wir überbündisch ins Gespräch kamen. Hier gab es auch jeden Abend mindestens ein Geburtstagskind „aber leider ist Geburtstag nur ein mal im Jahr“. Wir lernten nette Leute aus Berlin und Jomsburg (Kiel) kennen. Jede Pinte hatte etwas Besonderes. In der Pinte fünf (Gesellenpinte) gab es ein kostenloses Getränk namens „Schmiede Spezial“ – einfach köstlich „die Gesellen, sie stampfen zu dem Sang“. Außerdem war es sehr gemütlich in kleinen Sitzgrüppchen aus Strohballen. In der „kleinen Freiheit“ wurden lautstark die Klassiker der bündischen Hitparade rauf- und runtergesungen „klingen unsre alten Lieder“. Bei den Zugvögeln sang man auch andere Lieder aus den Bünden und es gab ÜT-Becher aus Keramik. In der Nordpinte wurde gemeinsamer Gesang und das gemütliche Gammeln am Feuer gut vereint.

Es war ein sehr buntes Lager und wir konnten viele bekannte Gesichter treffen. Leute vom Schwarzen Adler (Rheinischer Singewettstreit), aus der Singerunde in Freiburg oder ehemalige aus unserem Stamm. Am letzten Abend gab es einen Abschlusskreis mit allen über zweitausend Teilnehmern. Wir sammelten uns in Kreisen in den Teillagern und strömten dann geschlossen in den großen Abschlusskreis mit allen anderen. Es wurde gemeinsam gesungen und sich verabschiedet. Gegen Ende begann spontan eine Große Welle im Kreis herumzulaufen, die sich über gute vier Runden hielt – es war eine unbeschreiblich feierliche und dennoch wehmütige Stimmung. Niemand wollte so recht in die „echte“ Welt zurückkehren, die einem nach sechs Tagen geselliger Zeit sehr fremd schien! Im Anschluss gab es eine große Polonese, die in einem bunten Abend mündete „Tanzen wir im Ring“

Am letzten Morgen begrüßte uns der Tag mit furchtbarem Wetter, viel Regen und stürmischen Böen „draußen weht gewiss ein kalter Wind“. Wir mussten alles in Nässe abbauen. Aber andere hat es schlimmer getroffen: Bei einer Gruppe ist die Jurte eingestürzt, ausgerechnet über einem glühenden Feuer „doch die Feuer nicht erloschen sind“. Die Leute waren schnell in die Zugvogel-Jurte evakuiert, aber die Sachen waren nass. Aber alle hatten gute Laune, besonders die Pimpfe, für die das Abenteuer ein bereitwillig angenommenes Rezept gegen Langeweile war.

Unsere Rückfahrt war geprägt von der Lagerstimmung, die wir bis nach Freiburg trugen „wir sind voller Märchen und Legenden“. So sangen wir nicht nur auf dem Fußweg nach Böttingen zu Klampfentönen, sondern auch auf der gesamten Zugfahrt nach Freiburg haben wir alles mögliche aus dem Liederbock zum klingen gebracht. Die Leute im Zug waren im Gesamten (bis auf wenige Ausnahmen) sogar erfreut und gaben dann und wann Applaus. „Wir haben die Spießer ängstlich gemacht und wir lachen, wenn man uns hetzt“.

Wir beendeten das Lager am Wiehrebahnhof mit unserem Abschiedslied „Nemt Abschied, Brüder“ und verräumten im Anschluss noch das Material im PC, mit dem Klang des Gesangs im Ohr, der uns in den letzten Tagen so vertraut geworden ist.

Teilgenommen haben: Emi M. (Zwiebel), Jana J. (Gurke), Finn B. (HACK!!!), Lucy D. (Brokoli / Broki), Tabea K. (Knobi) und Ron S (Knust).

 

Lagerstrophe zur Melodie von „Roter Mond“:

Kalter Wind durch die Kohten pfeift,

Klampfenklang in den Ohren seicht,

/: Pimpfenkunst hängt im Baum,

zum Glück war das ÜT´17 kein Traum! :/

Nachtrag: Begriffsklärung gegen grübelnde Gesichter!

Pimpf: Wuseliges Wesen jungen Alters, das noch keine eigene Gruppe führt.

Führerrunde: Ein im Bündischen genutztes Synonym zur Leiterrunde. Dieses Wort mag im geschichtlichen Kontext manch einem widerstreben, wird jedoch wertneutral genutzt.

Kameraden: Pfadfinderkollegen

Pinte: Ort geselligen Zusammentreffens

Kohte: Kleines Zelt aus schwarzem Baumwollstoff. Feuer im Zelt möglich.

Jurte: Großes Zelt aus schwarzem Baumwollstoff. Feuer im Zelt möglich.

Klampfe: Gitarre

Nun genug, der Rest ist auf Wikipedia zu finden.

Bericht von Ron

Comments are closed.